Grußwort von Ute Krause

“Wer erinnert sich nicht gern zurück an die vielen Stunden, die er schmökernd auf der Couch oder dem Kinderbett verbracht hat, versunken in einem Parallelkosmos, aus dem man nur widerwillig wieder auftauchte, wenn der lästige Ruf „Tisch decken!“ oder „Essen kommen!“ erklang? Uns alle verbindet ein besonderes Gefühl, ein bestimmte Erinnerung mit unseren ersten Büchern, und wie oft treffe ich Erwachsene, die mit leuchtenden Augen von ihren Lieblingskinderbüchern erzählten, so als hätten sie sie gerade erst gestern zugeschlagen. Diese ersten Bucherfahrungen prägen uns mehr, als wir ahnen, und weil wir Autoren und Illustratoren das wissen, begegnen wir unserem jungen Publikum mit größtem Respekt.
Als ich sechs war, luden meine Eltern einen tschechischen Illustrator zu uns ein. Als er seine Zeichnungen vor uns ausbreitete, öffnete sich mir eine ganz neue Welt. Bis dahin hatte ich die Bilder in meinen Büchern gar nicht mit einem Menschen in Zusammenhang gebracht. Auf einmal wusste ich, dass es so etwas als Beruf gab. Diese Erfahrung hat mich tief beeindruckt. Ich denke und hoffe, dass die Begegnungen, die wir Autoren und Illustratoren mit den Kindern haben, auch ein wenig ihre Spuren hinterlassen oder zumindest die Begeisterung für das Lesen, selber-Schreiben und Zeichnen stärken.
Die »Berliner Bücherinseln« bringen den Kindern die Welt der Büchermacher etwas näher: Wie bist du auf die Idee gekommen? Wie lange dauert es, ein Buch zu schreiben? Warum bist du überhaupt Schriftsteller geworden? Das sind nur einige Fragen an Autoren. Und wenn dann die Illustratoren mit ihren ersten Skizzen anrücken und den Kindern zeigen, wie sie Figuren entwickeln, mit was für Farben sie arbeiten und wie ein fertiges Blatt aussieht, dann kommt schon mal das Kompliment: „Das sieht aus wie gedruckt“. Doch darin erschöpfen sich die »Berliner Bücherinseln« nicht. Überrascht stellen die Kinder fest, dass Harry Potter ja gar nicht auf Deutsch geschrieben wurde, sondern dass es den Übersetzer gibt, der das Buch dann übertragen hat, wie viele andere Bücher auch. Aber wie er eigentlich arbeitet, das wissen die wenigsten.
Wer mit den »Berliner Bücherinseln« einen Verlag besucht, lernt dort vielleicht den Hersteller kennen. Der verrät dann, wie die Druckschrift in die Bücher kommt und wie die Umschläge so schön glänzend werden. Wenn man Glück hat, kommt noch jemand von der Pressestelle oder dem Vertrieb vorbei und erzählt, wie es mit den fertigen Büchern weitergeht. Buchhändler laden die Kinder zu sich in den Laden ein, um von ihrer nicht immer ganz einfachen, aber mit umso mehr Leidenschaft betriebenen Arbeit zu erzählen.
Vielleicht ist es die Leidenschaft, die uns alle, die wir Bücher schreiben, zeichnen, lektorieren, produzieren und verkaufen, verbindet. Es sind alles wunderbare Berufe und ich hoffe, dass sich etwas von dieser Leidenschaft in den Begegnungen der »Berliner Bücherinseln« vermitteln lässt.”.
UTE KRAUSE, Schirmherrin der Berliner Bücherinseln 2011