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Ehrengast Georgien

 

Georgien: Harmonie des ‚Sowohl als Auch‘

Ein widersprüchliches Land? Es liegt zwischen Europa und Asien – zwei Kontinente, vermeintlich geteilt vom Kaukasus. Doch die eurasische Ausdehnung dieses gewaltigen Hochgebirges (Gesamtlänge rund 1100 km, Höhe bis zu 564 Metern) verbindet eher die zwei Erdteile als sie zu trennen.

Georgien mit seinem Gebiet vom Schwarzen bis zum Kaspischen Meer lässt zunächst historische und aktuelle Ahnungen aufsteigen – doch es kommt  zu einem überraschenden Fazit: Im Norden stößt Georgien an Russland, im Süden an die Türkei sowie Armenien, im Südosten an Aserbaidschan – und im Westen? Dort grenzt der kaukasische Staat an das Schwarze Meer mit Blickrichtung  auf den europäischen Kontinent; Georgien, so sagen die Georgier, sei der „Balkon Europas“.

Diese Westorientierung des heute 3,7 Millionen-Volkes hat Gründe. Ein zentraler: Georgien ist eines der ältesten christlichen Länder der Welt (Staatsreligion seit dem Jahr 337). Nur 9 % sind muslimischen Glaubens, aber 83 % gehören der christlich-orthodoxen Kirche an. Und für die steht nicht, wie bei den Katholiken, das Leiden von Christi im Zentrum, sondern dessen Auferstehung. Das spiegelt sich in der Mentalität der Georgier – positiv, fröhlich, äußerst gastgeberfreundlich, humorvoll, genuss-, sanges- und tanzfreudig (ältestes Weinanbaugebiet der Welt / zum UNESCO Weltkulturerbe erhobener Vokalgesang / unglaubliche Körperbeherrschung bei hinreißenden Tanz-Choreographien) – aber auch neben dem Sozialen das Egozentrische, neben dem Zielstrebigen Impulsives oder neben Weltoffenheit Patriotismus.

Vaterlandsliebe und dem Glauben an die Auferstehung, daraus schöpfen die Georgier eine in den Völkern der Welt selten festzustellenden Kraft beim Erhalt ihrer kulturellen Identität. Welche Mächte sind nicht alle durch das zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzem Meer strategisch günstige Georgien marschiert, haben es teils lange besetzt, überfallen, geplündert. Bücherschränke voller Geschichtsschreibung. Und dennoch haben die Georgier die Substanz ihrer Kultur erfolgreich ständig verteidigt.  Drei Beispiele als Muster der geistigen Kraft dieses Volkes, die auch im 21. Jahrhundert nicht abzunehmen scheint:

– Die Hauptstadt Tbilisi (Tiflis) –  kein Medaillon des Gedenkens, sondern der Selbstgewissheit. In ihrer Geschichte wurde die heute 1,2 Millionen-Metropole  („Die Stadt, die dich liebt“) mehr als 40 Mal zerstört, zuletzt durch die Perser, aber von den Georgiern immer wieder aufgebaut. Eine Stadt der Seelen-Spiegelung der Georgier, gefüllt mit Kontrasten: wundervolle Jugendstilhäuser, die berühmten Schwefelbäder, die malerischen Gassen und die vielen Kirchen – neben futuristischen Bauten wie dem „Music Theater and Exhibition Hall“ unterhalb des neoklassizistischen Präsidentenpalastes.

– Das Beharrungsvermögen des Sprachschatzes. Georgisch zählt zu den ältesten Kultursprachen der Welt (und zu den wohl schwierigsten). Sie hat sich bis heute höchst lebendig erhalten, während andere längst ausgestorben sind oder verdrängt wurden.

– Die äußerst ausgeprägte Eigenständigkeit der georgischen Schrift. Der   Charakter ihrer ungewöhnlichen Schriftzeichen hat nicht nur tief in der Menschheitsgeschichte verankerte Wurzeln; er zählt auch zu den vollkommensten und originellsten seiner Art: Die 33 Buchstaben sind dem Klang der georgischen Sprache soweit angepasst, dass jeder – der die Zeichen gelernt hat – jedes geschriebene georgische Wort auch korrekt aussprechen kann. Diese hochkulturelle Leistung wurde festgemeißelt in den Annalen der Menschheit: Seit 2016 zählt das georgische Alphabet zum UNESCO Weltkulturerbe.

Erfolgreich aber ist Georgien auf dem so lebenswichtigen Gebiet der Wirtschaft. So spielt bei Pekings Überlegungen, welche Transportkorridore für die geplante „neue Seidenstrasse“ erschlossen werden sollen, Georgien eine Schlüsselrolle als Drehscheibe für chinesische Produkte. Nicht nur wegen seiner zentralen geographischen Lage. Sondern auch deshalb: Georgien ist unterdessen ein Staat, der laut Weltbank hervorragende Rahmenbedingungen für ausländische Investoren bietet: wenig Bürokratie, funktionierende Institutionen, keine Korruption, stetiges Wachstum. Dazu gehören aufblühender Tourismus, boomender Bausektor, Modernisierung der Agrarwirtschaft und Programme gegen die Armut.

Und die Literatur? „In einem Volk mit weniger als vier Millionen Menschen wird man kaum eine bedeutende literarische Tradition vermuten. Es ist um so erstaunlicher, dass die georgische Literatur zu den reichsten und ausgereiftesten der Erde zählt“, resümiert Donald Reyfield, Professor für Russisch und Georgisch, Universität London. Da ist es nur folgerichtig, wenn Georgien Ehrengastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse (10.-14. Oktober) ist.

Aber nicht nur, sondern auch: Vom 29. Mai bis 8. Juni geht es bei den 9. Berliner Bücherinseln in Berlin um die überaus reiche Kinder- und Jugendliteratur Georgiens.

Volker Nickel